Verfassungsschutz

Revolutionäre Zellen und Rote Zora

Die RZ kristallisierten sich Anfang der siebziger Jahre aus der sich radikalisierenden militanten linken "Szene" heraus. In ihren Reihen fand eine Auseinandersetzung mit Strategie und Taktik der 'Roten Armee Fraktion' (RAF) statt. So wurde heftig kritisiert, dass bei einigen RAF-Aktionen auch Unbeteiligte zu Schaden gekommen waren. Ihrer Meinung nach sollten Aktionen auch an konkrete gesellschaftliche Problemfelder anknüpfen, um eine größere Solidarisierungswirkung zu erreichen.

Erstmals verübten Mitglieder einer 'Revolutionären Zelle' (erst später nannten sie sich 'Revolutionäre Zellen') im November 1973 Sprengstoffanschläge auf Tochtergesellschaften der us-amerikanischen Firma ITT in Nürnberg und Berlin. In den Folgejahren setzten die RZ ihre Anschlagsaktivitäten weiter fort, die sich in aller Regel gegen Sachobjekte mit Symbolfunktion richteten. Betroffen waren staatliche, industrielle und militärische Einrichtungen in Deutschland, teilweise auch im Ausland. Einige personenbezogene Anschläge wurden als "Bestrafungsaktionen" deklariert. Im Zeitraum 1973 - 1995 wurden 296 Sprengstoff-, Brand- und sonstige Anschläge festgestellt, die den RZ zugerechnet werden können.

Die Aktionseinheiten der RZ organisierten sich in kleinen, in der Praxis eigenverantwortlich und relativ voneinander unabhängigen Zellen von jeweils nur 3 - 5 Personen. Eines ihrer Prinzipien lautete: "Schafft viele revolutionäre Zellen!" Es wurde die sogenannte "klandestine" Terrorstrategie betrieben, die es den Mitgliedern der RZ erlaubte, nach außen hin ein normales bürgerliches Leben zu führen. Man sprach vom sogenannten "Feierabendterrorismus". Es existierten zwei Strömungen innerhalb der RZ: Mit nationalen Themen und Aktionen suchte die RZ Anschluss an die hiesige Protestszene und ihre unterschiedlichen Agitationsfelder, wie zum Beispiel die Kampagne gegen die "Startbahn West" in Frankfurt und die AKW-Bewegung. Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen der Startbahn-West in Frankfurt verübte eine RZ-Gruppe am 11. Mai 1981 einen (den einzigen) tödlichen Anschlag auf den damaligen hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry. Die internationalistische Strömung suchte Kontakte zu anderen nationalen Befreiungsbewegungen und -organisationen. Für weltweites Aufsehen sorgte im Dezember 1975 der Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien, an der neben RZ-Mitgliedern auch Palästinenser und Lateinamerikaner beteiligt waren. Anführer des Kommandos war der damals weltweit gesuchte Topterrorist Illich Ramirez-Sanchez, genannt "Carlos".

Ein weiteres internationales Kommando entführte etwa ein halbes Jahr später ein Flugzeug der Air-France auf dem Weg von Tel-Aviv nach Paris, welches in Entebbe/Uganda zur Landung kam. Bei der Befreiung der Geiseln durch ein israelisches Kommando kamen unter anderem zwei Gründungsmitglieder der RZ ums Leben. Die auch in linken Kreisen wegen antisemitischer Tendenzen heftig kritisierte Aktion stellte das Ende des internationalen Flügels der RZ dar.

Mitte der 80er Jahre trat die RZ mit nationalen Themen wieder stärker in Erscheinung. Zielrichtung und Begründungen ihrer Anschläge standen nun überwiegend im Zusammenhang mit der Asylantenproblematik. So verübten sie 1986 und 1987 in Berlin Knieschussattentate auf den Leiter des Ausländeramtes und auf den Vorsitzenden Richter des für Asylangelegenheiten zuständigen Senats beim Bundesverwaltungsgericht.

Die den RZ zugehörende autonome Frauengruppe 'Rote Zora' löste sich Anfang der 80er Jahre immer mehr von der Gruppe und vollzog 1984 die politische und 1987 auch die organisatorische Trennung. Die Anschläge der Roten Zora richteten sich zunächst überwiegend gegen Einrichtungen der Bio- und Gentechnologie. 1987 griff sie den Arbeitskampf von südkoreanischen Frauen bei der Firma "Flair Fashion", einer Tochterfirma der Bekleidungseinzelhandelskette Adler, auf. Aus Solidarität mit den kämpfenden Frauen in Südkorea verübten Angehörige der 'Roten Zora' am 15. August 1987 in mehreren Städten Brandanschläge auf Adler-Filialen, die erheblichen Sachschaden anrichteten.

Nach polizeilichen Ermittlungserfolgen ließen die Anschlagaktivitäten deutlich nach. Seit etwa 1991 mehrten sich zudem selbstkritische Stimmen. Nachdem Anfang 1992 eine Revolutionäre Zelle aus Nordrhein-Westfalen ihre Selbstauflösung bekannt gegeben hatte, wurden die Spaltungstendenzen sichtbar. Einige setzten sich für den Rückzug aus dem bewaffneten Kampf beziehungsweise für Kurskorrekturen ein, andere wollten an der bisherigen Praxis festhalten.

Ende 1993 meldete sich die 'Rote Zora' mit ihrem Heft 'Mili's Tanz auf dem Eis' zurück.

Hierin gaben sie einen Rückblick auf ihre Anfänge und Entwicklungen und versuchten den Anstoß zu einem Neuanfang. Dieser gelang jedoch nicht: Ein 1995 unter dem Namen der 'Roten Zora' verübter Anschlag auf die Lürssen-Werft in Bremen-Lemwerder blieb ohne Resonanz.

Die juristische Aufarbeitung der von der RZ begangenen Straftaten dauerte bis ins Jahr 2004 weiterhin an.

1998 konnte ein an dem Überfall 1975 auf die OPEC-Konferenz in Wien beteiligter Deutscher in Frankreich festgenommen und 2001 zu einer 9-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt werden.

Am 18. März 2004 wurde ein weiterer Strafprozess vor dem Kammergericht Berlin nach fast 3jähriger Verfahrensdauer und 174 Verhandlungstagen durch die Urteilsverkündung abgeschlossen. Die teilweise geständigen Angeklagten, deren Beteiligung an den ihnen zur Last gelegten Knieschussattentaten auf den damaligen Leiter der Berliner Ausländerbehörde (1986) und einen Vorsitzenden Richter beim Bundesverwaltungsgericht (1987) sowie an Sprengstoffanschlägen auf die Zentrale Sozialhilfestelle für Asylbewerber (1987) und die Berliner Siegessäule (1991) strafrechtlich bereits verjährt waren, wurden wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§129a Strafgesetzbuch) zu Haftstrafen bis zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt. In einem nachfolgenden Prozess wurde ein weiterer Angeklagter, der in Kanada festgenommen und von dort ausgeliefert worden war, wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung 'Revolutionäre Zellen' im Zeitraum 1885 bis 1993 zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.