Respekt vor Leben - "Ich bin dabei!" - die neue Verkehrsstrategie der Polizei NRW

Sonntagmorgen 03.30 Uhr. Unterwegs im Auto mit 130 km/h auf der Landstraße. Auf dem Weg von der Disco nach Hause. »Die Karre ist voll. Die Freundin und zwei Kumpel fahren mit. Leichte Rechtskurve. Locker genommen. Bisschen schneller geht noch. Alles easy. 140 km/h. Linkskurve. Wird passen. Oh. Jetzt aber bremsen. Oh. Oh nein. Sch…, das passt nicht!«

 

Sie hören die Nachrichten: »Vier junge Menschen sterben bei schwerem Verkehrsunfall. Wegen überhöhter Geschwindigkeit ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein Kleinwagen in einer Linkskurve von der Fahrbahn abgekommen. Das Fahrzeug überschlug sich mehrfach, bevor es mit einem Baum am Straßenrand kollidierte. Durch den Aufprall wurde der Pkw in Höhe der Rücksitzbank komplett durchtrennt. Der Fahrer und zwei weitere Insassen wurden aus dem Fahrzeug geschleudert. Die Beifahrerin wurde eingeklemmt. Die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 19 und 24 Jahren starben, weil sie zu schnell unterwegs waren und sich nicht angeschnallt hatten.«

 

»Brems Dich – rette Leben!«

 

Mit ihrer neuen Verkehrsstrategie will die Polizei NRW schwere und tödliche Verkehrsunfälle verhindern. Auf den Straßen in Nordrhein-Westfalen sterben jedes Jahr mehr Menschen als in drei große Passagierflugzeuge passen. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich die Dimensionen der öffentlichen Diskussion über die Sicherheit des Luftverkehrs auszumalen, wenn diese Menschen bei Flugzeugunfällen und nicht auf der Straße verunglücken würden. Die hohe Zahl der Verkehrstoten wird in der Öffentlichkeit dagegen meist nur schlicht als Fakt zur Kenntnis genommen. Dabei ist der Straßenverkehr jener Aufgabenbereich der Polizei, bei dem Jahr für Jahr die meisten Menschen verletzt, schwer verletzt und getötet werden. Diese Tatsache zeigt, welch hohe und entscheidende Bedeutung der Verkehrssicherheitsarbeit der Polizei zukommt.

 

»Für mich zählt jedes Menschenleben. Ich kann und werde nicht akzeptieren, dass so viele Menschen auf den Straßen in Nordrhein-Westfalen ihr Leben lassen«, gibt sich Michael Frücht kämpferisch. Er leitet das Verkehrsreferat im Ministerium für Inneres und Kommunales (MIK) NRW. Während verschiedene Ursachen für das Entstehen eines Unfalls verantwortlich sein können, entscheidet die Geschwindigkeit über die Folgen des Zusammenstoßes – über Leben oder Tod. Bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 65 km/h sterben acht von zehn Fußgängern, bei 50 km/h überleben hingegen acht von zehn. Es sind also 15 Stundenkilometer Unterschied, die das Verhältnis zwischen Überleben und Sterben genau umkehren.

 

Im Jahr 2011 hat sich die Zahl der toten und schwerverletzten Verkehrsteilnehmer deutlich erhöht. Mit 634 Getöteten starben 84 mehr als im Jahr 2010, auch die Zahl der Schwerverletzten ist auf fast 14.000 gestiegen, dies ist ein Anstieg um 13 Prozent. Man könnte sich nun auf den Standpunkt stellen, die Situation sei nicht dramatisch, denn man liege zwar deutlich über dem sehr guten Ergebnis 2010, aber doch nur knapp über dem Niveau von 2009 – also gebe es gar kein Problem. Doch dies ist falsch: Niemand kann es egal sein, dass jedes Jahr auf unseren Straßen so viele Menschen sterben. Ob es 550 oder 634 sind: Jeder Einzelne ist einer zu viel! Hinzu kommt, dass jeder Unfalltote wiederum mehr als 100 Menschen in Trauer, Schock und Wut hinterlässt.

 

Damit werden jährlich mehr als 63.000 Menschen in NRW direkt mit dem Tod auf der Straße konfrontiert. Die Unfallentwicklung steht im Gegensatz zum langfristigen Trend. Denn in den letzten Jahren konnten die Opferzahlen im Straßenverkehr nicht zuletzt durch die sehr gute Verkehrssicherheitsarbeit der Polizei deutlich reduziert werden. Damit dies auch zukünftig wieder so wird, setzt die Polizei auf ein mehrstufiges Aktionsprogramm. »Brems Dich – rette Leben!« heißt die weiterentwickelte Verkehrsstrategie der Polizei NRW. Im Straßenverkehr sollen künftig weniger Menschen als heute getötet oder verletzt werden – so lautet das Kampagnenziel. Um dies zu erreichen, muss das Geschwindigkeitsniveau insgesamt sinken. Ungeachtet der Frage nach der Unfallursache ist dies der wirksamste Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer vor schweren Unfallfolgen. Fußgänger und Radfahrer haben eben keinen Airbag.

 

Michael Frücht wird nicht müde zu betonen, dass »ein Unfall kein Schicksal« ist. »Unfälle werden verursacht, und zwar in aller Regel durch Fehlverhalten von Menschen«, so der Verkehrsreferent. »Eine Anpassung des Verhaltens hin zu einer angemessenen Geschwindigkeit und regelkonformen Verkehrsteilnahme ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn jedem Fahrer die Gefährlichkeit seines Handelns bewusst ist, entwickelt sich Verantwortungsbewusstsein und eine innere Überzeugung, sich an die Regeln des Straßenverkehrs zu halten. Jedem Verkehrsteilnehmer muss klar sein, wie unmittelbar sein Verhalten Einfluss auf die Sicherheit des Straßenverkehrs hat - und zwar für sich und alle Anderen. Das gilt immer: Bei jeder Fahrt und zu jeder Zeit! Handeln und denken die Verkehrsteilnehmer nach diesen neuen Mustern, so hat »Brems dich – rette Leben« sein Ziel erreicht: Weniger Tote und Schwerverletzte auf den Straßen in NRW.«

 

Auch die naturwissenschaftlichen Gesetze machen klar, wie gefährlich zu hohe Geschwindigkeit ist. An einem Beispiel kann man das gut verdeutlichen: Ein Fahrzeug fährt 30 km/h. Verkehrsbedingt muss der Fahrer nun eine Vollbremsung einleiten. Reaktionszeit und Bremsweg ergeben addiert die Entfernung, die das Fahrzeug zum Anhalten braucht. Bei 30 km/h sind dies etwa 17 Meter. Fährt das Fahrzeug jedoch 50 km/h, beträgt bereits die Entfernung, die es während der Reaktionszeit des Fahrers zurücklegt, schon 16 Meter. Erst ab dem siebzehnten Meter beginnt der Fahrer damit, das Fahrzeug zu bremsen. Das heißt also: Wo ein Fahrzeug bei 30 km/h nach einer Vollbremsung bereits steht, fängt der Fahrer bei 50 km/h erst an zu bremsen. Oder noch deutlicher: Ein Hindernis in 18 Metern Entfernung wird bei 50 km/h nahezu ungebremst getroffen, während es bei 30 km/h gar nicht erst zu einem Zusammenprall gekommen wäre. Das ist kein Schicksal, sondern eine physikalische Tatsache! Führt man sich nun vor Augen, dass dieses »Hindernis« nicht unbedingt ein anderes Fahrzeug, sondern beispielsweise auch ein Kind sein könnte, wird jedem klar, wie schwerwiegend die Folgen der Fahrgeschwindigkeit sind und wie unmittelbar der Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Unfallfolge ist.

 

Die Polizei in NRW trifft konkrete Maßnahmen gegen Raser

 

Zu schnelles Fahren ist der »Killer Nummer Eins«. Deswegen werden Raser und andere Verkehrssünder ab jetzt stärker ins Visier genommen. Es wird mehr Messstellen geben. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen bei den Geschwindigkeitskontrollen wird intensiviert, um die Geschwindigkeitskontrollen auch außerhalb von Unfallbrennpunkten zu steigern. Dadurch soll das Geschwindigkeitsniveau verringert werden. Insbesondere dort, wo gerast wird. Jede Polizeibehörde kennt diese Stellen in ihrem Bereich. Genau hier wird die Polizei in Zukunft schwerpunktmäßig Geschwindigkeitskontrollen im Rahmen von Blitzmarathoneinsätzen durchführen.

 

Die Einsätze stehen unter dem Motto Blitzmarathon - Respekt vor Leben "Ich bin dabei!". Die Kontrollstellen der Polizei werden online veröffentlicht.

 

Ein wichtiger Bestandteil der Kampagne »Brems Dich – rette Leben!« ist die tagesaktuelle Bekanntgabe der Geschwindigkeitskontrollstellen im Internet und in den Medien. Studien zeigen, dass aus einer Kombination von mehr Kontrollen und einer solchen Veröffentlichung das Geschwindigkeitsniveau gesenkt wird. Außerdem werden nunmehr auch blau-silberne Streifenwagen zur Geschwindigkeitskontrolle eingesetzt. Die Kontrollstellen sollen offen erkennbar sein. Dies hat auch präventive Wirkung. »Ziel aller Kontrollstellen ist mehr Sicherheit auf der Straße«, sagt Michael Frücht. Wer in Geschwindigkeitskontrollen eine Falle sieht, dem hält der Verkehrsreferent entgegen: »Die Polizei braucht sich nicht zu verstecken. Wir haben nichts zu verbergen.

 

Die Kolleginnen und Kollegen sind tagtäglich im Einsatz für ein Mehr an Sicherheit und ein Weniger an Verunglückten im Straßenverkehr. Unser Erfolg sind nicht mehr Knöllchen, sondern weniger Opfer auf den Straßen in NRW.

 

Informationen über die neue Verkehrsstrategie der Polizei NRW finden Sie auf der Internetseite der NRW Polizei