Verfassungsschutz

Ein- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten

  • Die Suche nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung ist das wichtigste Motiv für den Einstieg Jugendlicher in die rechtsextremistische Szene.
  • Bei vorschnellen Schuldzuweisungen an das Elternhaus ist Vorsicht geboten.
  • Eine rechtsextremistische "Erlebniswelt" aus Musik, Mythen, verschworener Gemeinschaft und Insider-Codes trägt entscheidend zum Reiz der Szene bei.
  • Der Ausstieg ist ein oft jahrelanger angstbesetzter Prozess, in dem Unterstützung dringend notwendig ist.

Zu diesen Ergebnissen kommt die Publikation "Einstiegs- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten. Ein Werkstattbericht", die das Innenministerium Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum und der "Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt" (ARUG, Braunschweig) veröffentlicht hat. Anhand von zehn Beispielen gehen Studierende der Ruhr-Universität systematisch dem Einstieg in den Rechtsextremismus, "Karrieren" in dieser Szene und dem Ausstieg nach.

Die Publikation ist aus dem Seminar "Einstiegs- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten" hervorgegangen, das das Innen- und das Schulministerium Nordrhein-Westfalen, die ARUG und die Ruhr-Universität in Soest für Studierende der Politikwissenschaft veranstaltet haben. Die Teilnehmenden haben alle deutschsprachigen Autobiografien von Aussteigern ausgewertet und zwei intensive Gespräche mit Personen geführt, die in unterschiedlicher Position jahrelang an der rechtsextremistischen Szene beteiligt waren. Zu den zehn dokumentierten Beispielen zählen Personen, die neonazistische "Kameradschaften" angeführt und massiv rechtsextremistische Gewalt verübt oder vorbereitet haben sowie eine Aktivistin und ein Aktivist des rechtsterroristischen Spektrums der 1970er und 80er Jahre, aber auch Szene-Publizisten und Parteifunktionäre.

Es ist die Gemeinschaft, die "begeistert und gleichsam fesselt", berichtet ein Aussteiger. Ein weiterer erinnert sich: "Plötzlich gab es Leute, die Interesse an mir zeigten und mir vermittelten, daß ich zu ihnen passen würde. Sie kamen für mich aus einer anderen, neuen, auch faszinierenden Welt." Die gesuchte und versprochene "Kameradschaft" findet in der Realität der rechtsextremistischen Szene nicht statt. Ein Aussteiger einer neonazistischen "Kameradschaft" schreibt: "[...] alle für einen und einer für alle. Eine beschissene Lüge. [...] In die 'Kameradschaft' wird man reingedrängt, egal, ob dir der andere sympathisch ist oder nicht. Ein Ziel, eine Gemeinschaft, Zwangsgemeinschaft. Sich dagegen aufzulehnen, würde heißen, sich außerhalb der Gemeinschaft zu stellen. Überlebt man nicht. Die Gruppe ist es, die einem Halt und zugleich Bestätigung gibt. Alle sind gleich, der Einzelne ein Nichts."

Dem Ausstieg geht ein äußerlich oft kaum wahrnehmbarer innerer Distanzierungsprozess voraus. Allein durch bestimmte Schlüsselereignisse wird er nicht ausgelöst. "Der Ausstieg aus dem Rechtsextremismus ist ein komplexer Prozess, der für Ausstiegswillige aus geradezu existenziellen Gründen angstbesetzt ist. Aus diesem Grund verbieten sie sich mitunter den Gedanken an einen Ausstieg, wenngleich die innere Distanzierung weit fortgeschritten ist. Ausstieg steht in dieser Zeit vor allem für drohenden Verlust: der 'Kameraden', der Erlebniswelt, der Identität und Gewissheiten, auch der körperlichen Sicherheit", heißt es in den Schlussfolgerungen der Publikation. Außenstehende haben in den zehn Beispielen häufig die Distanzierung unterstützt: "In den skizzierten Beispielen sind dies so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Freundinnen und Freunde (auch, aber nicht ausschließlich im Sinne von Liebesbeziehungen), Eltern, eine Therapeutin, ein Filmregisseur, Theaterschaffende, ein Richter, ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Ihnen gemeinsam ist die Haltung, die sie dem Betreffenden entgegengebracht haben: Sie haben durch Gespräche auf Augenhöhe und in der Regel unter Vier-Augen-Bedingungen Vertrauen gewonnen, zur Irritation scheinbarer ideologischer Gewissheiten beigetragen, Impulse gesetzt, die zum Teil erst deutlich später in einen erklärten Ausstieg mündeten. Alle genannten Persönlichkeiten haben an ihrer Ablehnung des rechtsextremistischen Denkens und Handelns keinen Zweifel gelassen – die Aussteiger beschreiben, dass sie den Kontakt zu ihnen gleichzeitig als menschliche Wertschätzung empfunden haben."

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