Verfassungsschutz

Transnationaler Terrorismus

Die Anschläge vom 11. September 2001 waren ein Fanal. Sie lieferten die Begründung für den "Krieg gegen den (islamistischen) Terrorismus", die Jagd auf al-Qaida-Angehörige und Mujahidin, den Krieg gegen die Taliban in Afghanistan und letztlich auch für den Einmarsch der USA und der "Koalition der Willigen" im Irak.

Nach den Anschlägen sollte "nichts mehr so sein, wie es vorher war". Mit den Anschlägen begann jedoch weder der transnationale Terrorismus, noch der Islamismus. Letzterer hat seine Wurzeln in der Auseinandersetzung der islamischen Welt mit der Moderne, die durch die Kolonialisierung im 19. Jahrhundert durch europäische Mächte über die Muslime hereinbrach. Der Terrorismus wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Islamismus in eine ideologische Verbindung gebracht. Islamistische Ideologen argumentierten dabei religiös, mit islamischen Begrifflichkeiten. Vor allem der Begriff Jihad tritt dabei schillernd hervor.

Die wichtigsten Phasen der Entwicklung des transnationalen islamistisch motivierten Terrorismus:

  • Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben mehrere Gelehrte und Denker in der islamischen Welt sich darum bemüht, die Schwäche ihres Kulturkreises gegenüber dem "Westen", die im Zeitalter des Imperialismus ihren Höhepunkt erreichte, zu analysieren und durch eine Rückbesinnung auf die eigenen islamischen Werte Impulse für eine Revitalisierung der eigenen Gesellschaften zu geben.
  • Mit der von Hasan al-Banna 1928 gegründeten 'Muslimbruderschaft' bekam die Reformbewegung einen ausgesprochen politischen und anti-kolonialen Charakter. Die politischen Bestrebungen wurden durch ein starkes Engagement im sozialen Bereich und durch einen gegen die britische Kolonialmacht gerichteten geheimen militärischen Apparat erweitert.
  • Der sich in der 2. Phase bereits anbahnende Palästina-Konflikt gewann mit der Gründung des Staates Israel 1948 an Schärfe und beeinflusste die weitere Entwicklung. Die ideologischen Grundlagen für die Schaffung einer "wahren" islamischen Gesellschaft und eines "islamischen Staatswesens" (auf der Basis einer totalitären Herrschaft) schufen die islamistischen Vordenker Sayyid Qutb und Abu al-A'la al-Maududi. Wenn sie auch noch nicht direkt zum Kampf aufriefen, so werden ihre Schriften, in denen der "Unglaube" und der "Westen" zum Feind erklärt werden, doch meist so verstanden.
  • In den 1970er Jahren wurde von Omar Abd al-Rahman und Abd al-Salam Farag der Gedanke des Jihad belebt und neu definiert. Entgegen der bisherigen "klassischen" Interpretation der Scharia durch die islamischen Gelehrten wurde der Jihad zu einem aggressiven und schrankenlosen Kampfbegriff umgedeutet. Hierauf stützen sich heute Usama Bin Ladin und die im Sinne von al-Qaida handelnden Terroristen.
  • Der Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan im Dezember 1979 führte dazu, dass sich mit Unterstützung westlicher Staaten Muslime vor allem aus arabischen Ländern als freiwillige Kämpfer (Mujahidin) dem afghanischen Widerstand anschlossen, der überwiegend islamisch geprägt war. Eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von "arabischen Mujahidin" in Afghanistan spielte Usama Bin Ladin mit seiner "Basis", al-Qaida, die als Registrierungs- und Ausbildungsstelle für die Kämpfer diente.
  • Nach dem Abzug der Roten Armee aus Afghanistan (1989) und der Auflösung der Sowjetunion (1991) verbuchten die Mujahidin dies als ihren Sieg über den Kommunismus. Viele kehrten – die Jihad-Erfahrung im Gepäck – in ihre Heimatländer zurück und trugen dort zur Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung bei. Unter dem Verfolgungsdruck der dortigen Regime suchten viele in Europa, einige auch in Nordamerika, politisches Asyl. Ihre Verbindung mit den Kampfgefährten von einst aber blieb bestehen, und neue "Aufgaben" (Bosnien, Tschetschenien, Kaschmir etc.) wurden in Angriff genommen.
  • Der Zweite Golfkrieg 1990/1991 und die damit einhergehende Etablierung der USA als ständige Militärmacht auf der arabischen Halbinsel, aber auch die rücksichtslose Unterdrückung der durch freie Wahlen an die Macht strebenden Islamisten in Algerien durch das von Frankreich unterstützte algerische Militär, führten in den 1990er Jahren bei Islamisten zu einem Richtungswechsel. Waren zuvor die den Islamisten allesamt als "unislamisch" geltenden regionalen Herrscher in der islamischen Welt und deren Sturz Hauptziel islamistischer Bestrebungen, so rückte nun der Westen in den Fokus. Denn ohne dessen Unterstützung würden die regionalen Regime schon bald beseitigt werden werden – so die Annahme der Terroristen. 1998 gab Usama Bin Ladin einen Aufruf zur Bildung einer "islamischen Weltfront zum Kampf gegen Juden und Kreuzfahrer", den er mit Vertretern weiterer islamistischer Organisationen unterzeichnete, heraus. Al-Qaida erhielt eine neue Struktur und eine transnationale Ausrichtung.
  • Nach einigen Anschlägen, die dem al-Qaida-Netzwerk zugeschrieben werden – auf US-Botschaften in Nairobi und Daressalam sowie auf das amerikanische Kriegsschiff USS-Cole im Hafen von Aden – folgten am 11. September 2001 die Anschläge von New York und Washington D.C.
  • Al-Qaida gerät unter den Druck internationaler Fahndungmaßnahmen und Terrorbekämpfung. Viele Funktionäre werden verhaftet oder getötet. Dafür werden Kontakte zu regionalen Islamisten-Organisationen aufgenommen, und es bilden sich Netzwerke von Mujahidin, die keiner Organisation zugehören (non-aligned Mujahidin) und im Sinn al-Qaidas Anschläge verüben. Al-Qaida entwickelt sich zu einem Handlungsmuster, das seine Ideologie und Botschaft über Internet und Medien verbreitet.
  • In London wurden die Anschläge vom 7. und 21. Juli 2005 von in der westlichen Welt integriert erscheinenden Nachfahren muslimischer Einwanderer verübt. Seitdem spricht man von einem "home grown terrorism", dessen frühzeitige Erkennung und Verhinderung besonders schwierig ist. Die vereitelten Anschläge in Deutschland 2006 und die Festnahme der "Sauerlandattentäter" 2007 – darunter zwei Konvertiten zum Islam – verdeutlichen, dass dieses Phänomen auch uns betrifft.

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