Verfassungsschutz

Selbstmordattentate / sogenannte "Märtyrer-Operationen"

Zur Bezeichnung von Selbstmordanschlägen hat sich unter islamischen Extremisten, vor allem unter den in den Nahost-Konflikt involvierten Terrorgruppen, die Bezeichnung "Märtyrer-Operationen" durchgesetzt. Dieser Begriff verkehrt die wohl grausamste Waffe gewaltbereiter, islamistischer Gruppen ins Gegenteil: Blutige Attentate, bei denen neben dem Attentäter auch unschuldige Menschen den Tod finden, werden nicht nur im Sprachgebrauch, sondern vor allem auch in der Ideologie islamistischer Fanatiker zu einer Art heiligem Akt, der Massenmörder als Helden erscheinen lässt und ihren sicheren Eintritt ins Paradies suggeriert. Der Märtyrer-Begriff, der im Islam eine lange Tradition hat und ursprünglich auf jeden Muslim angewendet wurde, der im Kampf für den Islam fiel, wird dabei bewusst pervertiert.

Anhand der langen Serie von Selbstmordanschlägen im Nahen Osten zeigt sich, welche Sogkraft die Idealisierung solcher "Märtyrer-Operationen" hat. Islamistische Terrorgruppen finden im tief verwurzelten Märtyrer-Glauben vieler Palästinenser einen ihren Zielen dienlichen Ansatzpunkt. Mithilfe gezielter Indoktrination, bei der neben der Glorifizierung des "Märtyrer"-Todes mitsamt entsprechenden Paradiesverheißungen auch finanzielle Versprechungen eine Rolle spielen (zum Beispiel eine monatliche Rente für die Hinterbliebenen), werden immer neue Freiwillige für sogenannte "Märtyrer-Operationen" gewonnen. Der Zweck solcher Terror-Anschläge ist die Tötung einer möglichst hohen Anzahl von "Feinden", ihre Zermürbung und dauerhafte Traumatisierung. Gleichzeitig verfolgen sie die Absicht, die Handlungs- und Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Terror-Organisation unter Beweis zu stellen und öffentliche, im "Idealfall" mediale Aufmerksamkeit zu erlangen.

Eine solche maximale Wirkung kann mit einem minimalen Einsatz erreicht werden: Selbstmordattentate erfordern im Vergleich zu hoch technisierten und logistisch komplizierten Attentatsformen keinen großen Kosten- und Organisationsaufwand und können aufgrund der vollkommenen Ahnungslosigkeit der Opfer präzise und zielgenau durchgeführt werden. Die Effizienz solcher Terror-Akte hat in den letzten Jahren zu einer geradezu inflationären Zunahme von Selbstmord-Anschlägen weltweit geführt. Trotz der zum Teil sehr unterschiedlichen Konfliktsituationen in den verschiedenen Regionen der islamischen Welt scheinen sich die Motive der Befürworter von Selbstmordattentaten aus den gleichen Erfahrungen zu speisen: einem brennenden Gefühl Ungerechtigkeit ausgesetzt zu sein, zahlreichen Demütigungen durch den jeweiligen "Feind" und dem Erleben der eigenen Machtlosigkeit. Erst die "Märtyrer"-Tat verschafft dem Ohnmächtigen ein Gefühl der ultimativen Macht über sein eigenes und einer Vielzahl anderer Leben. Dies erklärt, warum Selbstmordattentate immer wieder auch von Menschen ohne erkennbar religiöse Bezüge durchgeführt werden.

Auch im Irak-Konflikt hat der Einsatz von Selbstmordattenätern erheblich an Bedeutung gewonnen. Dort hat diese Anschlagsart vor allem die Funktion, Widerstand gegen die USA und ihre Verbündeten sowie gegen die neue irakische Regierung zu üben. Selbstmordattentäter werden im Irak zum Teil auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt, um Unsicherheit und Chaos zu verbreiten und einen Bürgerkrieg im Land zu entfachen.