Verfassungsschutz

Kalifat

Amt und Herrschaftsbereich des Kalifen. Kalif (arab. khalifa) bedeutet Stellvertreter. Dies wurde nach dem Tode des Propheten Muhammad die Bezeichnung für denjenigen, der der Gemeinde der Muslime in religiösen wie auch in politischen Dingen vorstand. Die Stellung des Kalifen war jedoch im Laufe der Geschichte Veränderungen unterworfen.

1. Phase (632 - 656 n. Chr.)

Die ersten vier "rechtgeleiteten" Kalifen, die durch Akklamation (allgemeine Zustimmung), Designation (Bestimmung durch den Vorgänger) oder durch Wahl als Kalifen bestimmt wurden, waren alle enge Gefährten des Propheten gewesen und besaßen deshalb eine hohe Autorität in Fragen der Religion und der sich an der Offenbarung, dem Koran, und dem Vorbild des Propheten orientierenden islamischen Rechts- und Lebensordnung. Bei den übrigen Prophetengefährten nahmen sie die Stellung eines Ersten unter Gleichen ein.

2. Phase (656 - 10. Jahrhundert)

Ab dem Jahr 656 n. Chr. wurde das Kalifat zu einer wirklichen Herrschaftsform, der Kalif zum Oberhaupt eines islamischen Reiches (656-750 die Omayyaden in Damaskus, 750-1258 die Abbasiden in Bagdad). Das Amt des Kalifen wurde nun innerhalb der herrschenden Familie vererbt. Die wirtschaftliche, militärische und politische Macht lag in den Händen des Kalifen. Die religiöse Autorität der ersten vier Kalifen genossen die späteren jedoch nicht mehr. Die Entwicklung und Ausformung der islamischen Rechts- und Lebensordnung, der Scharia, wurde von den religiösen Gelehrten vorgenommen, die auch den gesamten Bereich der Rechtsprechung zu ihrem Aufgabenfeld machten.

3. Phase (10. Jahrhundert - 1517)

Die Ausdehnung des Kalifats im 10. Jahrhundert war gewaltig: von Marokko bis zum Indus. Im Laufe der Zeit gewannen die einzelnen Regionen immer mehr Unabhängigkeit vom Machtzentrum in Bagdad. Der Kalif setzte aber offiziell den jeweiligen örtlichen Machthaber (Sultan) ein und verlieh ihm so die Legitimität, über die Muslime vor Ort zu herrschen. Der Kalif blieb nur noch das nominelle Oberhaupt der Gemeinschaft der Gläubigen (umma). Ferner etablierten sich für längere Zeit mehrere rivalisierende Kalifate (750-1258 die Abbasiden in Bagdad, 969-1171 die Fatimiden in Kairo, 929-1031 die Omayyaden in Cordoba).

Nach einer Phase der völligen Unterordnung des Kalifen unter den Sultan (etwa 10. Jahrhundert) gewann der Kalif zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Region um Bagdad und im Süd-Irak wieder seine politische Unabhängigkeit. Diese endete abrupt mit dem Mongolensturm im Jahre 1258. Bagdad wurde vom Enkel Dschingis Khans, Hülägü, erobert, seine Bevölkerung wie auch der Kalif ermordet. Ein Spross der abbasidischen Kalifendynastie soll nach Ägypten entkommen sein, wo er von den dortigen Herrschern als "Marionetten-Kalif" vorgezeigt wurde.

4. Phase (1517-1924)

Bei der Eroberung Ägyptens und der "Heiligen Stätten" Mekka, Medina und Jerusalem durch die türkische Dynastie der Osmanen ging die Würde des Kalifen angeblich vom letzten abbasidischen "Marionetten-Kalifen" auf den osmanischen Sultan über. Die osmanischen Sultane verwendeten den Titel zunächst jedoch kaum. Die höchste religiöse Autorität hatte dort nicht der Sultan in seiner Funktion als Kalif, sondern stets der "Scheikh al-Islam" inne. Erst als die europäischen Mächte als "Schutzmächte" christlicher Völker im Osmanischen Reich auftraten und Gebiete des Reiches, in denen Muslime lebten, verloren gingen, wurde der Titel Kalif von den Osmanen wichtig genommen und politisch bewusst eingesetzt.

5. Phase (1924 bis heute)

Ein Jahr nach Gründung der Republik Türkei (1923) wurde das Amt des Kalifen ersatzlos abgeschafft. Seitdem haben viele Muslime den Wunsch nach einer Wiedereinführung des Kalifats.

Es kann festgehalten werden, dass der Begriff Kalifat beziehungsweise Kalif im Laufe der Geschichte ganz unterschiedliche Formen und Machtbefugnisse umfasste. Der Kalif besaß zunächst religiöse Autorität, später stattdessen politische Macht. Er war dannach nur noch ein Symbol für die Gemeinschaft aller Gläubigen und Legitimationsgeber für die tatsächlichen Herrscher (zunächst selbständig in Bagdad, später unselbständig in Kairo). Schließlich war der Begriff lediglich ein symbolträchtiger Titel des osmanischen Sultans und zuletzt wurde das Amt ganz abgeschafft.

Zwei in Deutschland verbotene, aber aktive islamistische Gruppierungen, nämlich die ursprünglich arabisch geprägte und heute international zusammengesetzte 'Hizb ut-Tahrir' sowie der türkische 'Kalifatsstaat' verfolgen das erklärte Ziel, das Kalifat wieder zu errichten. Während letztere dabei vornehmlich auf die Türkei zielen, haben die Anhänger von 'Hizb ut-Tahrir' die gesamte islamische Welt im Auge.

Die Vorstellungen von einem Kalifat, das diese Gruppierungen als einzig richtige Form der islamischen Herrschaft ansehen, gründen sich auf die oben genannten Phasen der geschichtlichen Entwicklung dieses Amtes. Der Kalif soll nach diesen Überlegungen sowohl die höchste religiöse als auch die oberste weltliche Autorität innehaben. In seiner Person verbindet sich somit religiöse und weltliche Macht, wodurch die von Islamisten vertretene These von der Zusammengehörigkeit von Religion und Staat verwirklicht würde. Eine entsprechende politische Ordnung trägt deutliche Züge totalitärer Herrschaft und steht damit im Widerspruch zu den westlichen Begriffen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten..