Verfassungsschutz

Fatwa

Als Fatwa wird ein Rechtsgutachten bezeichnet, in dem ein islamischer Gelehrter von entsprechendem Rang seine Meinung zu einer Rechtsfrage unter Anwendung des islamischen Rechts, der Scharia, darlegt. Ausgangspunkt für jede Fatwa ist eine Frage, die von jemandem, der um Rechtsauskunft bittet (mustafti), gestellt wird. Die Beantwortung einer solchen Rechtsfrage gemäß der Scharia obliegt einem Gelehrten, der das Studium des islamischen Rechts an einer Hochschule erfolgreich abgeschlossen hat. Diese Person wird als Mufti bezeichnet.

Fatwas können von Privatpersonen oder Institutionen in Auftrag gegeben werden. Sie werden vor allem in Zweifelsfällen des islamischen Rechts verlangt. Da sich das islamische Recht auf unterschiedliche Quellen stützt und Raum für Interpretationen lässt, sind die Herrschenden bei der Anwendung des islamischen Rechts vielfach auf die Auslegung durch religiöse Autoritäten angewiesen. In der islamischen Welt führen vor allem moderne Entwicklungen im sozialen, medizinischen, technischen und politischen Bereich zu Unsicherheiten bezüglich ihrer Vereinbarkeit mit dem Islam. So werden Fatwas beispielsweise zur Frage erstellt, ob es erlaubt ist, ein neues Produkt zu nutzen. Auch in Fragen zum Verhalten in religiösen und kultischen Angelegenheiten, zur Nutzung verschiedener Medien, der Geburtenregelung und Organspende und vielen anderen Problemen des täglichen Lebens bis hin zur internationalen Politik werden Fatwas erstellt. Obwohl theoretisch auch Frauen als Mufti zugelassen sind, sind es in der Regel Männer, die als solche fungieren. In den meisten islamischen Ländern ist das Amt des Muftis institutionalisiert worden.

Eine Fatwa ist für den Auftraggeber nicht zwangsläufig bindend. Die Autorität eines religiösen Rechtsgutachtens ist in der sunnitisch-islamischen Welt insbesondere abhängig vom Ansehen und der Gelehrsamkeit des Muftis. So kann der Fatwa-Empfänger, sofern er mit dem Rat des Muftis nicht einverstanden ist, nach sunnitischem Verständnis jederzeit ein weiteres Gutachten bei einem anderen, dazu autorisierten Gelehrten einholen. Für die Schiiten hingegen ist das erstmalig eingeholte Rechtsgutachten für den Ratsuchenden verbindlich. Der Schiit ist verpflichtet, sich an den Rat des Muftis zu halten und ihn auch bei späteren Fällen wieder zu konsultieren.

In Bezug auf die Auslegung der Religion durch Fatwas hat sich in der islamischen Welt eine Art "Entprofessionalisierung" vollzogen, weswegen sich heute zahlreich und lautstark solche Muslime zu Wort melden, denen es an einer formalen religiösen Ausbildung mangelt und die sich eigener, oft eigenwilliger Islaminterpretationen bedienen. Ein Beispiel hierfür sind die "Fatwas" von Usama Bin Ladin, der weder ein Religions- oder Rechtsgelehrter ist, noch eine Autorisierung zum Erlass von Rechtsgutachten besitzt.