Newsletter Nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr

Minister Ralf Jäger präsentiert neue Einsatzfahrzeuge in Ratingen

nlga162 | 05.09.2016
Feuerwehr testet neue Fahrzeugtypen

Im Rahmen des Projekts Feuerwehrensache testen 20 Freiwillige Feuerwehren zwei neue Fahrzeugtypen daraufhin, ob sie effizientere Einsätze ermöglichen. Drei Mittlere Löschfahrzeuge (MLF) und ein Vorauslöschfahrzeug (VLF) mit Kaltschneid-Löschsystem „Cobra“ sollen künftig für noch mehr Sicherheit und Effizienz im täglichen Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren für die Menschen in NRW sorgen. Innenminister Ralf Jäger präsentierte die Einsatzfahrzeuge am 13. Juni 2016 in Ratingen der Öffentlichkeit. Bis Mitte 2017 werden sie von 20 Freiwilligen Feuerwehren landesweit getestet.

 


Warum werden neue Fahrzeugtypen getestet?


Als Folge des demografischen Wandels werden künftig weniger Einsatzkräfte für gleichbleibende oder sogar steigende Anforderungen zur Verfügung stehen. Daher ging es in der Arbeitsgruppe „Technik und Taktik“ des Projekts Feuerwehrensache um die Frage, wie man die Anforderungen an die Feuerwehren mit weniger Personal durch Einsatz optimierter Technik gut erfüllen kann.

 

Die Arbeitsgruppe war sich einig, dass die Feuerwehren in der Fläche sicher und effektiv eine Menschenrettung durchführen können müssen. Hierzu hat die Arbeitsgruppe Löschsysteme, Einsatzfahrzeuge und die erforderliche Personalstärke bei Einsätzen hinterfragt und festgestellt, dass die sinkende Zahl von Einsatzkräften nur zum Teil durch eine zunehmende Technisierung ausgeglichen werden kann.

 


Weniger Personal muss immer mehr Technik bedienen (können). Es gilt auch zu bedenken, dass für „mehr Technik“ auch „mehr Ausbildung“ notwendig ist. Auch kann ein Zuviel an Technik die vorhandenen Kräfte überlasten.

 

Die Arbeitsgruppe hat sich daher zum Ziel gesetzt, mit moderner, alternativer Technik die realistisch vorhandenen Personalressourcen in den Freiwilligen Feuerwehren zu unterstützen und die Brandbekämpfung mit Menschenrettung sicherer und effizienter zu gestalten. Es soll eine zeitgemäße Einsatztaktik mit der dafür notwendigen Feuerwehr-Technik verknüpft werden. Beide nachfolgend beschriebenen Fahrzeugkonzepte basieren auf einer eigenständigen taktischen Grundüberlegung. Die Gemeinsamkeit liegt in der sicheren Einsatzabwicklung. Es wird erwartet, dass sich eine derart optimierte Technik positiv auf die Motivation der im Ehrenamt tätigen Feuerwehrmitglieder auswirkt und damit das Anliegen des Projekts Feuerwehrensache stärkt.

 

Mittleres Löschfahrzeug NRW


Einer der Leitsätze, die die Arbeitsgruppe festgelegt hat, lautet „Mit wenig Personal viel erreichen“. Ein Fahrzeug, welches ein gesundes Mittelmaß zwischen dem kleinsten, genormten Löschfahrzeug (Tragkraftspritzenfahrzeug) und seinem größten Pendant (Hilfeleistungslöschfahrzeug 20) erreicht, ist das nun zu erprobende Mittlere Löschfahrzeug NRW.

 


Den Feuerwehren soll durch das Pilotprojekt „Fahrzeugtechnik“ eine motivierende Technik zur Verfügung gestellt werden, denn die Leistungsfähigkeit der Feuerwehr muss in der Fläche erhalten bleiben. Das Fahrzeug soll

 

• ausgewogene Technik für tägliche Einsatzszenarien bereithalten,
• eigenständiges Beherrschen der meisten Einsätze (Kleinbrand/Unwetterlagen) ermöglichen und
• als Erst-Einsatzfahrzeug zur Menschenrettung (Feuer/Technische Hilfeleistung/Gefahrstoffe) geeignet sein.

 

Dieses Anforderungsprofil erfüllt das Mittlere Löschfahrzeug NRW (MLF NRW). Dieses vollwertige Löschfahrzeug mit Staffelbesatzung und Gruppenbeladung kann mit den tatsächlich verfügbaren Einsatzkräften als Erst-Einsatzfahrzeug viel erreichen und eine sicher durchführbare Menschenrettung ermöglichen. Das kompakte und leistungsstarke Fahrzeug zeichnet sich zudem durch geringe Abmessungen aus (vorteilhaft bei engen Innenstädte oder kleinen Gerätehäuser) und führt damit zur Entlastung während der Alarmfahrt.

 

Das Fahrzeug basiert auf einem normierten Löschfahrzeug. Um die genannten Anforderungen zu erfüllen, wurde das Löschfahrzeug sinnvoll angepasst. Die drei Fahrzeuge unterscheiden sich ihrerseits in der Art der Erzeugung von Löschschaum:

 


• klassische Schaumtechnik / Z-Zumischung

  • weit verbreitet
  • keine besonderen Vorteile

 


• Druckzumischanlage für Schaumerzeugung

  • zunehmende Verbreitung bei den Feuerwehren
  • schneller Löscherfolg durch Netzmittel im Wasser und damit geringerer Sachschaden durch weniger Löschwasser
  • weniger Personal für klassischen Schaumangriff

 


• Druckluftschaumanlage (CAFS - Compressed Air Foam System)

  • kaum bekannt und genutzt bei den Feuerwehren
  • noch größere Hitzeabsorption bei noch niedrigerem Wasserverbrauch
  • große Mobilität der Einsatzkräfte durch deutlich geringeres Gewicht der Löschschläuche
  • geringere Wasserdampfbildung bei der Brandbekämpfung und dadurch mehr Sicherheit für vorgehende Feuerwehrleute

 

Vorauslöschfahrzeug „COBRA“


Durch neue Baustoffe und leichtbrennbare Innenausstattungen haben sich auch die Gefahren der Brandbekämpfung verändert. Hierzu zählt insbesondere die rasant gestiegene Gefahr der Explosion von Rauchgasen, die vorgehende Einsatzkräfte trifft. Bei der taktischen Einsatzmöglichkeit des offensiven Außenangriffs arbeiten die Einsatzkräfte aus dem sicheren Bereich, ohne in den eigentlichen Brandraum einzudringen.

 


Mit dem „COBRA™“-System fräst der vorgehende Angriffstrupp zunächst mit einem Wasser-Abrasiv-Hochdruckstrahl ein kleines Loch in die Außenwand. Danach kann der Brandraum durch feinste Wassertröpfchen schnell herabgekühlt werden. Abschließend erfolgt der sichere Innenangriff für das endgültige Ablöschen des Brandes.

 

Neben der raschen Lagestabilisierung bei Wohnungsbränden aus dem sicheren Bereich ergeben sich weitere Einsatzoptionen:

 


• Vereinfachung langer und personalintensiver Brandeinsätze

  • Silobrände
  • Dehnungsfugenbrände
  • (Übersee)Containerbrände

 


• eine einfache Möglichkeit, kompakte, mehrlagige Verbundsysteme zu durchdringen

 

Bisher ist in Deutschland kein Fahrzeug dieses Typs im Einsatz. Basierend auf den Erfahrungen in den skandinavischen Ländern wurde dieser Fahrzeugtyp entwickelt und erstmals in dieser Form gebaut. Das COBRA-Löschsystem ist in Nordrhein-Westfalen bisher nur bei der Feuerwehr Gladbeck im Einsatz. Dort ist es allerdings auf einem Hilfeleistungslöschfahrzeug verbaut.

 

Erprobung bei den Feuerwehren


Für die Erprobung der Einsatzfahrzeuge haben nahezu 50 Feuerwehren ihr Interesse bekundet. Auf eine erste Sichtung der eingereichten Unterlagen folgten weiterführende Gespräche. Nun bilden zwanzig Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr einen repräsentativen Querschnitt durch die nordrhein-westfälische Feuerwehrlandschaft, die die Fahrzeuge entsprechend der Projektziele erproben.

 


Jedes Fahrzeug wird für vier Monate bei den insgesamt zwanzig Pilotfeuerwehren stationiert. In diesem Zeitraum sollen die Pilotfeuerwehren diese neuen und innovativen Fahrzeugkonzepte im Einsatz erproben können.

 


Die Erprobung und Auswertung wird wissenschaftlich durch die Bergische Universität Wuppertal begleitet. In der Erprobungsphase sollen die Fahrzeugkonzepte ihre Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Viele Feuerwehren stehen „kleinen“ Löschfahrzeugen kritisch gegenüber, da sie eine zu geringe Leistungsfähigkeit unterstellen. Vergleichbares gilt für das Löschsystem „COBRA“. Auch hier wird von einigen kein Mehrwert für die Feuerwehren vermutet. Da es für beide Annahmen keine belastbaren Nachweise gibt, werden die Fahrzeuge herstellerunabhängig getestet.

 


Nach Abschluss der Erprobungsphase werden die Ergebnisse in einem Abschlussbericht zusammengefasst.

 

Mehr Informationen unter:
http://feuerwehrensache.nrw.de/pilotprojekte/arbeitsgruppe-2/technik/technik/

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