Verfassungsschutz

Volksgemeinschaft

Die Volksgemeinschaft ist zu einem wesentlichen Bestandteil nationalsozialistischer Ideologie sowie des Denkens heutiger Rechtsextremisten geworden. Sie wird als ein streng hierarchisch gegliedertes Gemeinwesen verstanden, in dem der Staat und ein ethnisch homogenes Volk zu einer Einheit verschmelzen und in dem alle Klassen- und Standesschranken aufgehoben sind. Die staatliche Führung handelt intuitiv nach dem einheitlichen Willen des Volkes, der Einzelne ordnet seine Interessen dem Wohl der Volksgemeinschaft unter.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Volksgemeinschaft als gesellschaftliches Ideal den damaligen sozialen Gegensätzen entgegengehalten. Der individualistischen und allein von wirtschaftlichem und politischem Nutzen dominierten Gesellschaft wurde die durch gewachsene Strukturen gekennzeichnete Gemeinschaft von Familie, Nachbarschaft oder Volk gegenübergestellt (Ferdinand Tönnies, 1887). Die Volksgemeinschaft zählte in den 20er Jahren zu den Leitbildern der sogenannten "Konservativen Revolution", einer Strömung antidemokratischer Schriftsteller und Wissenschaftler. Dieses Leitbild basierte auch auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, wie sie insbesondere der konservative Revolutionär Ernst Jünger ("In Stahlgewittern") beschrieben hatte: als Frontgemeinschaft in den Schützengräben, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Unterschiede hinweg begründet habe. Auf die "Konservative Revolution" bezieht sich heute insbesondere die Neue Rechte, eine intellektuelle Strömung innerhalb des Rechtsextremismus.

Zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft konnte nur zählen, wer der "arischen Rasse" angehörte und sich uneingeschränkt zur nationalsozialistischen Weltanschauung bekannte. Somit waren "fremdvölkische" Menschen - vor allem Juden - von vornherein ausgeschlossen. Das gleiche galt für alle Gegner des Regimes, für Kommunisten und Demokraten ebenso wie für Behinderte, "Asoziale" oder Homosexuelle. Durch propagandistische Massenveranstaltungen, durch Veranstaltungen wie den "Eintopfsonntag", an dem das ganze Volk verpflichtet war, Eintopf zu essen, oder das Winterhilfswerk, einer Sammlungsaktion zugunsten notleidender "Volksgenossen", wurde die scheinbar klassenlose nationalsozialistische Volksgemeinschaft inszeniert. Parolen wie "Du bist nichts, Dein Volk ist alles!" oder "Gemeinnutz geht vor Eigennutz!" sollten die Menschen zusammenschweißen. Das wirkliche Ziel dieser Ideologie war aber nicht eine Gemeinschaft freier Individuen, sondern eine "opferbereite Volks- und Leistungsgemeinschaft", die mechanisch den Befehlen ihres Führers gehorcht.

Bis heute berufen sich Teile des Rechtsextremismus auf die Ideologie der Volksgemeinschaft: So heißt es im Programm der NPD für die Bundestagswahl 2002: "Das deutsche Volk ist Grundlage der deutschen Volksgemeinschaft". Der "multikulturelle Wahnsinn", den die Partei durch die "Rückführung aller Ausländer in ihre Heimat" beenden will, führe zu Gruppen- und Einzelinteressen, während "aus sozialer Gerechtigkeit und dem Solidarprinzip die ethnisch homogene Volksgemeinschaft" erwachse.

Unverändert gewinnt die Ideologie der Volksgemeinschaft ihre Attraktivität aus dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Zusammenhalt - vor allem dann, wenn vorhandene gesellschaftliche Strukturen als anonym und seelenlos empfunden werden. Ein Gemeinwesen nach dem Prinzip der Volksgemeinschaft wäre jedoch zwangsläufig durch eine autoritäre Führung der Eliten ohne hinreichende demokratische Legitimation und die Ausgrenzung von Menschen anderer Ethnien und Andersdenkender gekennzeichnet.