Verfassungsschutz

Die deutsche Linke von 1914 - 1945

In der SPD setzt sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts der Konflikt zwischen revolutionären Marxisten und Reformern fort (siehe Entwicklung 1850-1913). Dabei hat für den revolutionären Flügel, insbesondere für Rosa Luxemburg, die bürgerlich-revolutionäre Umwälzung in Russland im Jahr 1905 wegweisende Bedeutung.

Durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges führen diese ideologischen Unterschiede faktisch zur Spaltung der SPD. Im August 1914, zu Kriegsbeginn, stimmt die SPD-Reichstagsfraktion den sogenannten Kriegskrediten einstimmig zu, obwohl sie den Krieg selbst auch weiterhin scharf ablehnt. Auch die Vertreter der radikalen Linken in der SPD unterwerfen sich - widerstrebend - der Parteidisziplin (Fraktionsvorsitzender Hugo Haase: "Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich"). Sofort im Anschluss an diese Entscheidung treffen sie sich jedoch in der Wohnung von Rosa Luxemburg und verstärken von da an ihre Bemühungen, sich eine eigene organisatorische Basis zu schaffen. Um in irgendeiner Form bekannt zu geben, dass durchaus nicht alle Sozialdemokraten mit den Kriegskrediten einverstanden sind, wird die Herausgabe einer Zeitschrift mit dem Namen 'Die Internationale' vereinbart, von der wegen der Behördenzensur nur eine einzige Nummer herausgegeben werden kann. In der Folge werden "politische Briefe" publiziert, die mit "Spartacus" unterschrieben werden. Von diesen Briefen leitet sich der Name 'Spartakus-Gruppe' ab, die sich endgültig im März 1916 bildet.

Neben dieser bilden sich in Deutschland zwei weitere revolutionäre Gruppen, die 'Internationalen Kommunisten Deutschlands' (oder 'Bremer Linke') und die aus Gewerkschaften - insbesondere den Berliner Metallarbeitern - kommenden 'Revolutionären Obleute'.

Ebenfalls im März 1916 wird eine Gruppe faktisch aus der SPD-Reichstagsfraktion ausgeschlossen. Sie bildet unter dem Namen 'Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft' (SAG) eine selbständige Fraktion. Im April 1917 wird darauf aufbauend die 'Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands' (USPD) gegründet, der sich die 'Spartakus-Gruppe' anschließt, nicht jedoch die 'Internationalen Kommunisten Deutschlands'.

Mit zunehmender Kriegsdauer entsteht innerhalb der deutschen revolutionären Linken der Eindruck, der deutsche Kapitalismus werde nicht weiter bestehen können. Die Revolution sei nur noch eine Frage der Zeit. In dieser Situation kommt es im Herbst 1918 zu einer Annäherung zwischen der 'Spartakus-Gruppe' und den "Internationalen Kommunisten Deutschlands" - die dem Marxismus-Leninismus nahe stehen - und zu Spannungen innerhalb der USPD, da sich die Spartakus-Gruppe für die Übernahme des sowjetischen Gesellschaftsmodells einsetzt. Im November 1918 erfolgt eine Umbenennung in 'Spartakus-Bund' und die Trennung von der USPD. Am 1. Januar 1919 schließen sich 'Spartakus-Bund' und 'Internationale Kommunisten Deutschlands' zusammen und gründen die 'Kommunistische Partei Deutschlands' (KPD).

Die KPD ist mehrheitlich für einen konsequenten, revolutionären und antiparlamentarischen Weg zum Rätesystem. Im Gegensatz zu heutigen kommunistischen Parteien gibt es in der KPD von 1919 unterschiedliche Positionen zu politischen Fragen.

Im Januar 1919 entwickelt sich aufgrund der Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten, der dem Linken Flügel der USPD angehört, der sogenannte Januar-Aufstand (auch "Spartakus-Aufstand"). Teile der USPD, Teile der KPD und die Berliner 'Revolutionären Obleute' unterstützen ihn. Karl Liebknecht ruft zum Sturz der Regierung auf und beteiligt sich als einer der Leiter an einem "Revolutionskomitee", das in völliger Fehleinschätzung der Lage die Regierung für abgesetzt erklärt. Obwohl die Mehrheit der Führung der KPD gegen den Sturz der Regierung in dieser Form ist, kann sich die Partei nicht zur Distanzierung von der Aktion entschließen. Dies prägt das Bild der Partei in der Gesellschaft als eine Organisation von gewaltsamen Umstürzlern. Regierungstreue Truppen beenden die Unruhen. Im Verlauf der Ereignisse werden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 ermordet.

Auch in anderen Teilen Deutschlands ist das Frühjahr 1919 durch Streiks und Unruhen geprägt. Die KPD versucht dabei mit Aufrufen zur "Machtergreifung durch das Proletariat", "Es lebe die proletarische, kommunistische Revolution" und "Nieder mit der Nationalversammlung! Alle Macht den Arbeiter- und Stadträten" gegen das demokratische System zu mobilisieren.

Im Oktober 1919 kommt es zu innerparteilichen Diskussionen (entscheidende Punkte sind die Einstellungen zum Parlamentarismus und zur Mitarbeit in den Gewerkschaften) und letztlich zum Bruch. Ultralinke Kräfte verlassen die KPD und bilden im April 1920 die 'Kommunistische Arbeiter-Partei Deutschlands' (KAPD); die KPD verliert ca. die Hälfte ihrer Mitglieder. Im Dezember 1920 spaltet sich die USPD. Der linke Flügel vereinigt sich mit der KPD, die dadurch organisatorisch gestärkt wird und sich allmählich zu einer Arbeiter-Massenpartei entwickeln kann. In den Jahren 1924 bis 1929 hat die KPD etwa 100.000 Mitglieder und etwa 3 Millionen Wähler und damit eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung. Sie entwickelt sich aber unter Einfluss der Moskauer 'Kommunistischen Internationalen' (Komintern), als deren Teil sie sich selbst ansieht, zu einer straff geführten politischen Kaderpartei. Bis 1927 werden alle oppositionellen Gruppen aus der Partei entfernt, seit 1929 gibt es in der Partei keine selbständigen Positionen mehr; die KPD ist seither der Versuch eines Spiegelbildes der sowjetischen KPdSU. Die KPD versucht nun, den Staat, alle anderen Parteien (besonders die Sozialdemokratie) und sogar die Gewerkschaften zu bekämpfen.

Durch die Weltwirtschaftskrise und die damit wachsende soziale Not erlangt die KPD einen gewissen Einfluss auf die Arbeiterschaft in Deutschland. Ihre Mitgliederzahl wächst von etwa 133.000 im Januar 1930 auf etwa 320.000 Ende 1932. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 ändert sich (auch) für die KPD die politische Situation vollständig. Die Parteizentrale wird im Anschluss an eine Durchsuchung am 23. Februar 1933 geschlossen, die Partei selbst wird nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 weitgehend zerschlagen. Viele Kommunisten werden von den nationalsozialistischen Machthabern in Konzentrationslager deportiert; ein Teil beteiligt sich am Widerstand gegen das Naziregime.

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Kaderpartei
KaderparteiBezeichnung des Lenin`schen Modells der revolutionären Partei neuen Typs, die durch zentrale und straffe Leitung gekennzeichnet ist. Kader sind dabei die Personen, die als Berufsrevolutionäre die kommunistische Partei führen.
Kapitalismus
KapitalismusNach linksextremistischem Verständnis eine Gesellschaftsform, die auf dem privatkapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln, der privaten Aneignung der Ergebnisse der Produktion (dem Profit) und der Ausbeutung der Lohnarbeiter basiert. Im Islamismus gibt es keine grundsätzliche Kritik am Privateigentum oder an auf Gewinn ausgerichtetem wirtschaftlichem Handeln. Jedoch wird ein "islamischer Rahmen" verlangt, der ungebremstes Profitstreben sowie islamisch verbotene Geldtransaktionen verhindert.
Kommunismus
KommunismusNach marxistischer Auffassung die höchste Form der gesellschaftlichen Entwicklung, in der u. a. der Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit aufgehoben und das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft ist. Islamisten lehnen den Kommunismus wegen seiner atheistischen Grundhaltung ab.
Marxismus
MarxismusAuf Karl Marx und Friedrich Engels zurückgehende "wissenschaftliche" Lehre, die u. a. davon ausgeht, dass die Menschheitsgeschichte und die gesellschaftliche Entwicklung, ähnlich wie die Natur, nach Gesetzmäßigkeiten verläuft. Der Kapitalismus ist demnach nicht das Ende der Menschheitsgeschichte, sein Untergang ist historisch unvermeidlich.
Parlamentarismus
ParlamentarismusVerfassungssystem, in dem das Volk nicht direkt die Herrschaft ausübt, sondern durch ein in allgemeinen Wahlen bestelltes und in periodischen Abständen erneuertes Parlament repräsentiert wird (Gegensatz: Rätedemokratie).
ProletariatProletariatNach marxistischer Auffassung die Klasse der besitzlosen und ausgebeuteten Lohnarbeiter und Hauptkraft beim revolutionären Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus.