Verfassungsschutz

Glaube - Unglaube - Apostasie

Grundlage jeder islamistischen Ideologie ist die Vorstellung, dass sich die Bevölkerung der Erde in zwei große Blöcke aufteilt, den der "Rechtgläubigen" und den der "Ungläubigen". Hinter dieser Vorstellung steht das traditionelle islamische Konzept, demzufolge die Welt des Islams (dar al-islam) der Welt der Ungläubigen (dar al-harb/dar al-kufr = Bereich des Krieges/der Ungläubigen) gegenübersteht. Während im dar al-islam die koranische Offenbarung anerkannt und das islamische Recht praktiziert wird, muss die islamische Ordnung im dar al-harb erst noch errichtet werden. Entgegen dem klassisch islamischen Konzept, das Juden und Christen als "Schutzbefohlene" respektiert, erklären radikale Islamisten alle Nicht-Muslime zu Ungläubigen. Die kompromisslose Bekämpfung der "Ungläubigen" wird als notwendige Voraussetzung für die Errichtung einer gerechten, islamischen Ordnung angesehen. Nach Überzeugung von Jihadisten (Vertretern eines gewaltsamen Kampfes für vermeintlich religiöse Ziele) ist sogar die Tötung von "Ungläubigen" erlaubt. Die Anwendung von Gewalt erklären sie damit, dass sie sich in einem permanenten Abwehrkampf gegen die Ungläubigen befänden. Die Ermordung von Ungläubigen als angebliche Selbstverteidigung lässt sogar Selbstmordattentate zum "heiligen Akt" werden.

Der Hass der Jihadisten richtet sich aber nicht nur gegen Anhänger anderer Religionen, sondern zum Teil auch gegen Muslime selbst. Besonders deutlich wird dies gegenwärtig im Irak. Sunnitische Terrorgruppen betrachten dort nicht nur Schiiten als "kuffar" (Ungläubige) und machen sie zum Ziel ihrer terroristischen Angriffe, auch sunnitische "Kollaborateure" werden rücksichtslos bekämpft.

Ein bei radikalen Islamisten beliebtes Mittel andersdenkende Muslime des Unglaubens zu überführen ist, sie der Apostasie (Abfall vom Glauben) zu bezichtigen. Nach islamischem Recht gilt die Apostasie seit jeher als schweres Vergehen. Als vom Islam abgefallen gilt in der Regel derjenige Muslim, der das islamische Glaubensbekenntnis leugnet, sich den grundlegenden Geboten oder Verboten widersetzt oder den Koran verunglimpft. Nach weit verbreiteter Auffassung sollte der Besitz eines Apostaten enteignet und seine Ehe aufgelöst werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Fall des ägyptischen Literaturwissenschaftlers Nasr Hamid Abu Zaid, der aufgrund seiner Bemühungen um eine kritisch-innovative Koranexegese 1995 von einem ägyptischen Gericht zwangsgeschieden wurde und heute im niederländischen Exil lebt und lehrt. Sogar die Todesstrafe ist in den Augen vieler muslimischer Gelehrte bis heute eine angemessene Bestrafung für Apostasie. Der Fall des Salman Rushdie (Autor des Buches "Die satanischen Verse"), den Khomeini 1989 zum Apostaten erklärte und zu dessen Ermordung er aufrief, war der erste Fall dieser Art, der weltweit Aufsehen erregte. Ein weiteres Beispiel aus dem Jahr 2006 ist der Fall des Afghanen Abdul Rahman, der in Deutschland zum Christentum konvertierte und dem nach der Rückkehr in sein Heimatland die Todesstrafe wegen Apostasie drohte.