Verfassungsschutz

Gottesstaat / "Herrschaft Gottes"

Ein zentraler Begriff islamistischer Ideologien ist das von Abu Ala al-Maududi (1903-1979) und Sayyid Qutb (1906-1966) geprägte Konzept von der "Herrschaft Gottes" (hakimiyat allah).

Es basiert auf der Vorstellung, dass nur Gott die höchste und universale gesetzgebende Autorität zukomme. Gott habe über seine Gesandten den Menschen Offenbarungen zukommen lassen, aus denen die von ihm vorgeschriebene Rechts- und Lebensordnung hervorgehe. Der letzte dieser Gesandten Gottes sei der Prophet Mohammad gewesen, dem der Koran als letztgültige Offenbarung herab gesandt worden sei.

Aus dieser Offenbarung ergebe sich die islamische Rechts- und Lebensordnung, die Scharia. Als Scharia werden sowohl die Methode der Rechtsfindung auf Grundlage der Offenbarung (Koran) und der Überlieferungen des Propheten Mohammad (Hadithe) als auch die Gesamtheit der Regelungen selbst bezeichnet. In den Auslegungen dieser Regelungen divergieren jedoch die Meinungen der islamischen Rechtsgelehrten. In der Praxis entstehen – trotz Anwendung einheitlicher Methoden – ganz unterschiedliche, zum Teil einander entgegen gesetzte Rechtsaufassungen vom Islam. Trotz allem gilt die Scharia den Anhängern dieses Konzepts als vollkommene Rechts- und Lebensordnung, die sowohl hinsichtlich der gottesdienstlichen Pflichten als auch hinsichtlich der Regelungen im gesellschaftlichen und politischen Bereich unbedingt zu befolgen ist.

In der Konsequenz kann die Rolle des Menschen, einer Gemeinschaft oder des Volkes daher nicht die des Gesetzgebers sein. Der Mensch hat lediglich als "Statthalter Gottes" ("Khalifa" – "Kalif") die Aufgabe, die von Gott, dem Souverän, offenbarte Rechtsordnung umzusetzen. Bei al-Maududi kommt Gott aber nicht nur die Funktion des Gesetzgebers, sondern auch die des Herrschers zu, so dass eigenständiges politisches Handeln oder gar der Entwurf politischer Ordnungssysteme durch Menschen einem Vergehen an Gott gleichkommt. Auch in der politischen Herrschaft wird dem Menschen nur die Funktion eines "Statthalters Gottes" eingeräumt. Begründet wird dies mit der "Einheit Gottes" (tauhid), die in keiner Hinsicht Platz für einen anderen Souverän außer Gott lasse.

Al-Maududi bezeichnet diese "Statthalterschaft" als vollkommene Form der Demokratie. Die "islamische Demokratie", die auf der "Statthalterschaft des Volkes" beruhe, unterscheide sich jedoch deutlich von der "westlichen Demokratie", die auf der "Herrschaft des Volkes" aufbaue. Politische Herrschaft, Staat und Recht sind nach seinem Konzept nicht von Gott und seiner Offenbarung, also der Religion zu trennen. Dies wird in dem Slogan von der "Einheit von Religion und Staat" betont. Gottes Offenbarung wird dabei mit der Scharia gleichgesetzt, die Scharia mit dem Islam. Dass de facto unterschiedliche Vorstellungen von der Umsetzung der Scharia existieren, wird ausgeblendet. In der Theorie gibt es nur die eine Scharia.

Durch die Vollkommenheit dieser durch Gott offenbarten Rechts- und Lebensordnung führe sie – richtig umgesetzt – zu Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand und Zufriedenheit unter allen Menschen. Dagegen sei dies mit einer von Menschen ersonnenen Ordnung nicht zu erreichen.

Jede Abweichung von diesem Konzept der "Herrschaft Gottes" führe sowohl zu einer Auflehnung gegenüber Gott, also Unglauben, als auch zu Ungerechtigkeit, Unterdrückung und vielen weiteren schlechten Erscheinungen. Deshalb sei es geboten, für die Errichtung der "Statthalterschaft des Volkes" zu kämpfen und den Jihad zu betreiben. Nach al-Maududi könne dies jedoch erst dann geschehen, wenn der Einzelne selbst ein Stadium der inneren Vollkommenheit erreicht habe.

Das Konzept von der "Herrschaft Gottes" hat viele islamistische Gruppierungen beeinflusst. Auch bei den ideologischen Vorstellungen der 'Muslimbruderschaft' und der 'Milli-Görüs'-Bewegung in Deutschland lassen sich Anlehnungen hieran erkennen.

An Stelle von "Herrschaft Gottes" wird im Westen zumeist in Anlehnung an eigene Traditionen der Begriff "Gottesstaat" verwendet.

Was ist ...?

IslamismusIslamismusEine extremistische Ideologie, die sich gegen westliche Werte- und Ordnungsvorstellungen richtet und das Ziel verfolgt, eine gesellschaftliche, rechtliche und staatliche Ordnung auf der Grundlage einer fundamentalistischen oder konservativen Auslegung des Islam zu errichten und damit einen "islamischen Staat" zu schaffen.
Kalif
KalifDieser Begriff bezeichnet den Stellvertreter des Propheten Muhammad, der an dessen Stelle die Gemeinschaft der Muslime leitet. Von den Schiiten wird nur der vierte Kalif, Ali Ibn Abi Talib, anerkannt. Nach Alis Tod im Jahre 661 n. C. haben verschiedene arabische Dynastien diesen Titel geführt. 1517 ist er auf die osmanischen Sultane übergegangen. 1924 wurde der letzte osmanische Kalif von Atatürk, dem Gründer der Republik Türkei, abgesetzt. Seit dem gibt es keinen allgemein anerkannten Kalifen mehr.
Muslimbruderschaft
MuslimbruderschaftNach ihrer Gründung 1928 in Ägypten durch Hassan al-Banna verbreitete sich die islamistische Muslimbruderschaft (MB) in nahezu allen arabischen Staaten sowie in Ländern, in denen arabische Muslime leben. Sie wurde dort zur Keimzelle zahlreicher militanter wie auch nicht-militanter islamistischer Organisationen. Ihr Ziel ist es, die den "wahren Islam" in den islamischen Gesellschaften zu verbreiten und eine auf diesem – wahren Islam – beruhende staatliche und gesellschaftliche Ordnung zu erreichten. Sie wird seit Januar 2004 in Ägypten von Mohamed Mahdi Akef geleitet. In Deutschland ist die Muslimbruderschaft mit ca. 1.300 Anhänger vertreten. Die mitgliederstärkste Organisation ist die 'Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.'.
Scharia
SchariaAls Scharia bezeichnet man die islamische Rechts- und Lebensordnung. Bei der Scharia, wörtlich "Weg zur Tränke", handelt es sich im Grunde um eine Methode, die von islamischen Gelehrten im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. entwickelt wurde, um aufgrund der islamischen Quellen (Koran, Sunna, Konsens der Gelehrten, eigenes Bemühen des Gelehrten) Bestimmungen für islamische Rechts- und Lebensordnung zu gewinnen.
TalibanTalibanTaliban ist der persischer Plural von arabisch "talib" (Student), der als Bezeichnung für eine Gruppe streng islamischer Milizen in Afghanistan verwendet wird. Einen Großteil ihrer Mitglieder rekrutierten die Taliban aus den Koranschulen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze, daher diese Bezeichnung. Ihr Handeln und ihre Ideologie sind stark vom fundamentalistischen Islam (Wahhabismus) und vom paschtunischen Gewohnheitsrecht "Paschtunwali" beeinflußt. Politisch und militärisch formierten sich die Taliban Anfang der 1990er Jahre, nach dem Ende der sowjetischen Besatzung Afghanistans. Im Verlauf der Kämpfe rivalisierender Milizen entwickelten sich die Taliban ab 1995 zur dominanten Fraktion innerhalb Afghanistans. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kamen sie der Forderung der USA nicht nach, Usama bin Laden, der mit Unterbrechungen seit den 1980er Jahren mit seiner Organisation al Qaida in Afghanistan war, auszuliefern. Daraufhin begann 2002 der von der UNO sanktionierte Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf die Taliban, der das Ende ihrer Herrschaft einläutete.