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Sayyid Qutb

Der Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966) gehörte zu den einflussreichsten islamistischen Denkern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Qutb war zunächst Schriftsteller und Literaturkritiker, wandelte sich aber nach einer USA-Reise Anfang der 50er Jahre zu einem scharfen Kritiker westlicher Lebens- und Ordnungsmodelle und entwickelte einen radikalen islamischen Gegenentwurf dazu. Als Mitglied der 'Muslimbruderschaft' wurde er mehrfach inhaftiert und dabei nicht nur Zeuge, sondern auch Opfer brutaler Foltermethoden durch den ägyptischen Staat. Vor dem Hintergrund dieser Verfolgungserfahrungen radikalisierte sich sein Denken zusehends. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Wegzeichen", "Soziale Gerechtigkeit im Islam" und sein Korankommentar "Im Schatten des Koran".

 

Qutb entwarf das Bild einer Gesellschaft in einem Zustand der "Unwissenheit" (jahiliya), die sich gänzlich von den Lehren des Islam entfernt habe. Der Widerstand der Muslime müsse sich daher sowohl gegen die westlichen Kolonialisten beziehungsweise Imperialisten richten, als auch gegen die "falschen" und "heuchlerischen" Regime der islamischen Welt. Ziel des Kampfes sei die Errichtung einer göttlich legitimierten Herrschaft. Die Muslime, die sich nicht dieser Weltsicht anschließen wollen, einschließlich der Herrscher in der islamischen Welt, werden zu Ungläubigen erklärt, die bekämpft werden müssen.

 

Qutbs Werke werden bis heute vielfach als Argumentationshilfen für den militärischen Kampf gegen als ungerecht empfundene Systeme gelesen und rezitiert. Seine Schriften stellen daher einen entscheidenden Schritt auf dem Weg hin zum gewalttätigen Islamismus dar. Seine Ideen haben bis heute großen Einfluss auf zahlreiche Anhänger der islamistischen Bewegungen. Sie können einerseits als radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen in der arabischen Welt gedeutet werden. Andererseits können sie aber auch als Aufforderung verstanden werden, solche Verhältnisse gewaltsam zu verändern.

Zur Ergänzung:

Stichwort: al-Takfir wal-Hijra

Stichwort: Muslimbruderschaft

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Imperialismus
ImperialismusAllgemein wird darunter das Streben politischer Kräfte nach größtmöglicher Macht über andere Länder verstanden. Nach leninistischer Auffassung ist der Imperialismus das höchste und damit letzte Entwicklungsstadium des Kapitalismus.
IslamismusIslamismusEine extremistische Ideologie, die sich gegen westliche Werte- und Ordnungsvorstellungen richtet und das Ziel verfolgt, eine gesellschaftliche, rechtliche und staatliche Ordnung auf der Grundlage einer fundamentalistischen oder konservativen Auslegung des Islam zu errichten und damit einen "islamischen Staat" zu schaffen.
MuslimeMuslim ist eine Ableitung von dem arabischen Wort Islam und bezeichnet jenen, der die Religion des Islam praktiziert bzw. ihr anhängt.
Muslimbruderschaft
MuslimbruderschaftNach ihrer Gründung 1928 in Ägypten durch Hassan al-Banna verbreitete sich die islamistische Muslimbruderschaft (MB) in nahezu allen arabischen Staaten sowie in Ländern, in denen arabische Muslime leben. Sie wurde dort zur Keimzelle zahlreicher militanter wie auch nicht-militanter islamistischer Organisationen. Ihr Ziel ist es, die den "wahren Islam" in den islamischen Gesellschaften zu verbreiten und eine auf diesem – wahren Islam – beruhende staatliche und gesellschaftliche Ordnung zu erreichten. Sie wird seit Januar 2004 in Ägypten von Mohamed Mahdi Akef geleitet. In Deutschland ist die Muslimbruderschaft mit ca. 1.300 Anhänger vertreten. Die mitgliederstärkste Organisation ist die 'Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.'.
MuslimeMuslimeMuslim ist eine Ableitung von dem arabischen Wort Islam und bezeichnet jenen, der die Religion des Islam praktiziert bzw. ihr anhängt.